Implizites Wissen heben: aus Köpfen in Systeme
Implizites Wissen heben: aus Köpfen in Systeme
In jedem Betrieb gibt es diesen einen Menschen, den alle anrufen, wenn etwas klemmt. Er weiß, warum die Anlage im Sommer anders eingestellt wird und was einem Kunden vor Jahren zugesagt wurde. Nichts davon steht in einem Dokument. Das ist implizites Wissen, also ungeschriebenes Erfahrungswissen, das jemand im Tun gelernt hat und selbst kaum für aufschreibenswert hält.
Für den Mittelstand ist der Verlust dieses Wissens kein Zukunftsthema, sondern eine Frage der nächsten Jahre. Eine große deutsche Behörde rechnet damit, dass in fünf bis sieben Jahren 30 bis 35 Prozent ihrer 113.000 Beschäftigten in Rente gehen, und nennt den Verlust impliziten Wissens ausdrücklich als das Problem dahinter. Wo dieses Wissen liegen soll, klärt der Wissenslayer, also die gemeinsame Schicht aus Firmenwissen, an die sich jede KI anschließen lässt. Hier geht es um die Frage davor: Wie kommt Wissen dorthin, das nie jemand aufgeschrieben hat? Das ist ein Beschaffungsproblem, kein Ablageproblem.
Wie es in der Praxis läuft
Der Anlass steht im Personalplan, nicht im Techniktrend
Der Grund für dieses Thema ist der demografische Wandel, nicht die Faszination für KI. Wenn Stellen frei werden und sich schwer nachbesetzen lassen, arbeitest du aus dem bestehenden Team heraus weiter, und dafür brauchst du das Wissen der Ausscheidenden im Haus. Wie hart der Druck wird, zeigt die Logistik: In Europa fehlen 440.000 Lkw-Fahrer, in Deutschland 80.000. Solche Zahlen sind kein Argument gegen die Menschen, die gehen, sondern der Grund, ihnen jetzt zuzuhören.
Das Übergabe-Interview: erzählen lassen statt aufschreiben lassen
Der schnellste Weg aus dem Kopf in eine Datei ist ein Gespräch. Du nimmst die Ist-Situation per Interview auf, lässt sie transkribieren und daraus einen Ablauf mit Einzelschritten ableiten. Das funktioniert auch, wenn die KI das Interview selbst führt: Sie fragt, die Person antwortet, gern per Spracheingabe, am Ende steht eine strukturierte Datei. Ein Gespräch verlangt niemandem ab, einen Text zu formulieren, und es hakt dort nach, wo eine Antwort unvollständig bleibt. Genau dort sitzt das implizite Wissen. Wer den Ablauf beherrscht, beschreibt ihn, die KI gießt ihn in Form. In einem Marketing-Team wurden Wissen und Arbeitsweise der Ausscheidenden so in Skills überführt, also in Ordner mit Anleitung, welche die KI bei passender Aufgabe selbst auslöst.
Wissen einsprechen, während die Arbeit läuft
Das Interview holt den Bestand, aber neues Erfahrungswissen entsteht täglich. Deshalb gehört das Festhalten in den Arbeitsablauf, nicht in ein Dokumentationsprojekt daneben. Auf der Baustelle sieht das so aus: Der Monteur spricht den Bericht als Sprachnachricht ein, das System transkribiert, zieht Kunde, Tätigkeit, Material und Stunden heraus und schickt dem Büro eine strukturierte Mail, mit dem Originaltranskript im Anhang, damit die Extraktion prüfbar bleibt. Die Wirkung ist gemessen: unter zwei Minuten statt zehn bis zwanzig, weniger Rückfragen, frühere Rechnungen, und 5 bis 10 Prozent sonst nicht abgerechneter Leistungen werden überhaupt erst erfasst. Umgesetzt war das in ein bis zwei Wochen, das Werkzeug dahinter kostet in der Cloud rund 25 Euro im Monat.
Gegenlesen durch ein zweites Team
Dokumentation, die niemand liest, ist Papier. Die Qualitätskontrolle entsteht erst, wenn ein zweites Team auf die Arbeit und die Aufzeichnungen des ersten schaut. Wer einen Ablauf seit zwanzig Jahren macht, lässt genau die Stellen weg, die für ihn selbstverständlich sind, und an diesen Stellen scheitert später ein anderer. Verankere das Gegenlesen als festen Schritt, bevor eine Beschreibung als fertig gilt, und teile die Ergebnisse offen im Haus statt in Abteilungsordnern.
Das Onboarding als Prüfstand der Wissensbasis
Ob ihr das Wissen wirklich gehoben habt, zeigt sich beim nächsten neuen Kollegen. Eine angebundene Wissensbasis beschleunigt die Einarbeitung und senkt die Abhängigkeit von einzelnen Köpfen, aber nur, sofern etwas dokumentiert ist. Nutz das als Messung: Gib der neuen Person die Wissensbasis als ersten Ansprechpartner und protokolliere jede Frage, die sie trotzdem an Menschen stellen muss. Jede dieser Fragen ist eine benannte Lücke. Und ein Unterschied bleibt: Ein neuer Kollege lernt in zwei Wochen von selbst dazu, ein Modell nicht. Es weiß nur, was jemand hineingeschrieben hat.
Auch Anlagen und Altsysteme tragen implizites Wissen
Nicht alles Erfahrungswissen sitzt in Köpfen, manches steckt in Maschinen, die niemand mehr versteht. Alte Steuerungen lassen sich wiederbeleben, indem man das Netzwerk scannt und die Handbücher anbindet, sodass eine KI Fragen dazu aus diesen Dokumenten beantwortet. Der Anlass ist derselbe: Die Experten gehen in Pension. Ist dein Betrieb dafür allein zu klein, taugt das für eine Allianz mit nicht konkurrierenden Firmen.